Warum ich mich mit Ernährung beschäftige und wie es eine Reise durch die Zeit wurde

Wenn einem der Organismus durch Erschöpfung signalisiert: „Halt, bis hierhin und nicht weiter!“ kann man das entweder eine Weile ignorieren bis zum totalen Zusammenruch oder man sucht ganz konsequent Heilung auf allen Ebenen. Um wieder aus der Isolation der Erschöpfungskrankheit CFS/ME herauszukommen habe ich mich ganz gezielt angefangen mich mit Ernährung zu beschäftigen.

Als Kulturwissenschaftlerin und Archäologin sehe ich in der Erde etwas anderes als meine bäuerlichen Vorfahren. Der Erdboden ist nicht nur eine mühselige, schweißtreibende Existenzgrundlage, sondern auch eine Schatzkammer voller Ressourcen, Geschichten und Wachstum. Meine Perspektive auf die Erde und die Nahrung wurde aber nicht nur in Hörsälen oder im Studium geformt – sie liegt auch in meiner Familiengeschichte und ihren vielen Herausforderungen. Bis in die 1960er Jahre lebte meine Großfamilie aus dem bosnischen Hochland noch ziemliche autark als bäuerliche Gemeinschaft. Im 2. Weltkrieg mussten sie zu unerschrockenen Partisanenkämpfer werden- Menschen, die noch wussten, was es bedeutet, der Natur zu trotzen, sich selbst zu versorgen und gegen widrigste äußere Umstände für das Leben und die Freiheit einzustehen, wenn eisige Winter in der Bergwelt oder Territorialkämpfe zu überstehen waren. 

Da mich menschliche Kreativität, Medizin und Erfindergeist sowie der Blick ausserhalb unserer Gegenwart schon von klein auf faszinierte, wurde dann mit der Zeit dieser etwas andere Ernährungs-Blog daraus.

Nach der Migration meiner Eltern in den 1970ern nach Deutschland, begann ein neues Leben in einer der größten Industrienationen der Welt.Die Short Cut Version: mit viel Arbeit, Zähigkeit und Neugier gingen wir alle mehr oder weniger unseren Weg. 

Nach Studium, Arbeit und Familiengründung rutsche ich in eine schwere Erschöpfung und verbrachte jede freie Minute damit medizinische Studien, Kongressvideos und Bücher auszuwerten, um zu verstehen, was in meinem Körper passierte, den biochemischen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen und die Hebel für CFS/ME bei mir zu finden. Es war für mich der einzige Weg, vor Corona kannte kaum jemand die Erkrankung oder nahm sie ernst. Gleichzeitig galt meine gesamte verbliebene Kraft meinen Kindern: Sie in einem Zeitalter von Umwelttoxinen und digitalen Medien gesund zu erziehen, sie durch Natur, Gespräche und Spiele für das echte Leben zu begeistern, war ein unermüdlicher Kraftakt. Migration bedeutet immer eine Anpassungsleistung, aber auch Kulturtransfer in beide Richtungen, die zu neuen Ansätzen und Lösungen führen kann.

Weil es für CFS wenig echte Hilfe gibt in der aktuellen Schulmedizin, habe ich viel an mir erprobt. Nach zahlreichen, auch gescheiterten Selbstversuchen habe ich aber endlich Durchbrüche und Versbesserung erlebt mit Vitamin-D und Vitamin-C Hochdositherapie, Artemisia, Cistrose, Hyperthermie, Chlorella, Glutathion, alpha-Liponsäure, Coenzym Q10, Magensium, Perga, Selen, Mariendistel, eine nährstoffreiche biologische Nahrung und eine natürliche unbelastete Umgebung. 

Es entwickelte sich ein Verständnis für Nährstoffprinzipien und Gesundheit. Die Nahrung und damit der Darm waren neben Detox und Leberthemen die großen Schlüssel für die Genesung, die ich allen Betroffenen auch von Herzen wünsche. Gebt die Hoffnung nicht auf! Auch ich dachte, ich kann nie wieder aufstehen.

In diesem ganzen Ernährungsdschungel erinnerte ich mich was meine Vorfahren gegessen haben: Fermentierte Getreideprodukte, Mais, frische Rohmilchprodukte gehörten neben Kräutern, Gemüse und etwas Obst, Knochenbrühen und selten Fleisch zu ihren Grundnahrungsmitteln. Als besonderer Snack galten Bienenprodukte wie Wabenhonig oder Cornelkirschen und Beeren. Propolis, Kolostrum und der rohe Milchrahm galten als Medizin neben Löwenzahn, Holunder oder anderen Kräuter der Hochebene.

Einige von Ihnen wurden sehr alt- eine meiner Vorfahrinnen wurde über 90, trotz einfachster Verhältnisse, ohne Medizin geschweige denn Nahrungsergänzungsmittel. Ich erinnere mich heute noch an ihr unermüdliches Lächeln und ihre Haut, die immer faltiger wurde. Die Nahrung war keine Geheimwissenschaft wie heute die immer komplizierter werdenden Protokolle für Ernährungsweisen oder Nahrungsergänzungen. Es war einfach, die manchmal auch entbehrungsreiche, Anpassung an ein natürliches Ökosystem, kein Wunschkonzert. Heute erzwingt man genau diese hormetischen Prozesse, wie Hunger und Kälte, um die Mitochondrien zu stärken. 

Aber so lebte die überwiegende Mehrheit der Menschen auf der ganze Welt mit jeweils unterschiedlichen Ökosystemen und entsprechender Anpassung, vom Nordpol über die Regenwälder bis zur Wüste, bis sich die Industrialisierung ab etwa 1765 immer weiter ausbreitete und die bäuerliche Lebensweise zunehmend ablöste. Das bedeutet auch, dass Menschen eine unterschiedliche Anpassung an Nahrung haben, weit über die Hälfte der Menschen heute verträgt weder Milchprodukte noch Alkohol und das ist ihre genetische Anpassung an das Nahrungs-Ökosystem ihrer Vorfahren. Deswegen ist es sinnlos eine 08/15 Diät zu machen, sondern die genetische Anpassung in der eigenen Familie erstmal zu verstehen. Also fragen was die Großeltern und Urgroßeltern so gegessen haben und wie sie gelebt haben.

So wurde meine Familiengeschichte, in der meine Generation quasi im Schnelldurchlauf die Industrialisierung vollzog, selbst zur Fallstudie: der Weg von natürlich biologischer Nahrung, die man sich hart erarbeiten musste, hin zum Lebensmittelkonsum bei Aldi, Lidl und Co., den man als Tauschwert für seine Arbeit bekam.

Da ich mir selbst helfen konnte und mich die Veränderung von Nahrung und Lebensweise so faszinierte, fiel mein Entschluss mich beruflich ganz auf das Thema Ernährung zu fokussieren. Nach Stationen in einer großen deutschen Kunstsammlung und einem britischen Unternehmen, bekamen meine beruflichen Ambitionen endlich eine Richtung, die mir tiefen Sinn gab.

Die steigende Zahl der Nahrungsmittelunverträglichkeiten machte aber mich stutzig. Die Hauptnahrung unserer Vorfahren bestand doch jahrtausendelang aus verschiedenen Getreide- und Milcherzeugnissen und sie haben damit grosse und mächtige Kulturareale aufgebaut, wie die Hochkultur der Pharaonen, das römische Reich, das British Empire oder das russische Zarenreich und etliche andere. Aber in der Art wie Nahrung prozessiert wurde, lag der Unterschied: Fermentation, eingeweichtes, gekeimtes Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte, Kefir, Butter und Sauermilch von verschiedenen Tieren statt Tütensuppen, abgepacktes Toastbrot, Dosenmilch und viele andere Lebensmittel, die durch chemische Zusatzstoffe in Geschmack, Farbe und Haltbarkeit stark verändert sind.

War also nicht eher die Industrialisierung der Nahrung mit der Fülle an chemischen Stoffen die Ursache für die vielen Unverträglichkeiten, statt Gluten, Laktose, Fruktose, Histamin? Fragen über Fragen.

Bei all dem Chaos der heutigen Empfehlungen war es hilfreich unsere aktuelle Ernährungslage mal in einem größeren Zusammenhang und über weite Zeiträume zu verstehen. Mein archäologischer Forschergeist war geweckt. Warum gab es so starke gesunde Zähne ohne Kreidezähne in der Steinzeit, ganz ohne Zahnpasta und Zahnärzte? Warum waren die Knochen der Jäger besser minimalisiert und größer als die der Bauern? Nahrung formte unsere körperliche Evolution: Darm, Gebissformen, Gerhirnvolumen veränderten sich nach drastischen Ernährungsveränderungen. Es ist erstaunlich wieviel alte Knochen uns erzählen können. Wenn der Homo Sapiens vor etwa 300.000 Jahren sich die längste Zeit wild ernährte und die Erde noch ziemlich in Ruhe liess, fragt man sich, wie die Veränderung hin zur bäuerlichen Lebensweise ab ca 15.000 Jahren eine so schnelle Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten ermöglichte? Was hat die bäuerliche Ernährungsweise mit diesem rasanten Fortschritt der menschlichen Zivilisation zu tun, der uns Überbiss und Karies brachte? Und warum vertragen wir diese Ernährung dann auf einmal heute nicht mehr? Es mußte noch etwas anderes geben, das diese Beschwerden auslöste?

Die Paläo-Szene argumentiert logisch mit den Steinzeit-Genen, für Brot und Milch sind wir demnach nicht gemacht, beziehungsweise der Anpassungsprozess läuft noch. Aber es erklärt nicht warum Menschen über 10.000 Jahre mit diesen scheinbar so schädlichen Lebensmitteln sich so rasant vermehrt haben und die Welt umgekrempelt haben mit ihrem Verstand. Das „täglich Brot“ aus der Bibel war Jahrtausende eine heilige Gabe Gottes und auf einmal ist diese Gabe so schädlich, dass es die Därme heute regelrecht zerstört?

Mitte des letzten Jahrhunderts lehrte an der Universität Heidelberg eine Koryphäe der Pharmakologie: Prof. Dr. Fritz Eichholtz. 1956 veröffentlichte er ein bahnbrechendes Werk, das heute aktueller ist denn je: „Die toxische Gesamtsituation auf dem Gebiet der menschlichen Ernährung“. Eichholtz warnte als einer der ersten Schulmediziner eindringlich vor der unkontrollierten Chemiesierung und Industrialisierung unserer Nahrung. Die Summe der Umwelttoxine und ihre Wirkung auf uns ist aber sieben Jahrzehnt später leider nur noch größer geworden, ich war ziemlich überrascht, dass das Thema schon damals so diskutiert wurde. Als Otto-Normal-Verbraucherin bekommt man so was ja gar nicht mit, man wird schön mit Konsum abgeschirmt von den eigentlichen Zusammenhängen, die man erstmal mühsam durchdringen muss und keiner will im permanenten Krisen-Modus, wo alles schlecht ist leben. Erschreckenderweise zählen wissenschaftliche Erkenntnisse heute noch weniger als damals. Wer die Bevölkerung schützen möchte, kann leicht zum Störenfried werden.

Woran soll man sich also orientieren? Manchmal habe ich versucht mir eine Verbindung zu meinen Vorfahren in der Steinzeit vorzustellen, ich schloss die Augen und fühlte Orientierung und Energie in meiner archaischen Steinzeit-Sippe, wo ich die Ruhe einer noch unentdeckten Welt genoss. Und genau das wünsche ich mir für die Diskussionen rund um unsere Ernährung und ihre Zukunftsfähigkeit. Ich will nicht zurück in die Steinzeit, aber wir müssen uns rückbesinnen, auf das was uns Kraft und Hoffnung gibt, um uns zukunftsfähig zu machen für ganz neue Umgebungen.

Ich wünsche allen, die diesen Blog lesen Inspiration beim Entdecken und Stöbern.

service 1